02.12.08
Miss Sixty
Was bitteschön gaben die sechziger Jahre her, was der Huldigung wert wäre, dem Thema sogar einen Platz in meinem Blog einzuräumen? Ich wurde geboren! Viel mehr Spektakuläres bräuchte es nun im Grunde gar nicht und so möchte euch gern aus dieser Zeit, aus meiner Sicht erzählen. Das Leben, wie es sich ergab … zufällig und ohne erkennbare Absicht, die Freude um mein Erdendasein zu schmälern.
Damals … Oh Schreck, habe ich eben tatsächlich DAMALS geschrieben? Das Bild zweier im Bus fahrenden alten Tantchen, die sich über den jugendlichen Rotz der Gegenwart beklagen und dabei in der Nostalie der Vergangenheit schwelgen, drängt sich mir auf. Bin ich auch schon so, nun sagen wir es mal ganz vorsichtig … nostalgisch?
Ich jedenfalls bin ein Kind der Sechziger. Ein Rebell und Freidenker, ein Kind, dass noch Kind sein durfte, sich von Leckmuscheln und Afri Cola ernährte und Sonntags andere Klamotten trug, als unter der Woche. Und als solches Kind hat man sich das Recht erkämpft nostalgisch zu sein. Zurückzublicken in eine Zeit, in der man noch keine Verantwortung trug und keine Rechnungen zahlen musste.
Wir hatten zuhause einen grandiosen Schwarz-weissfernseher, ein echtes Nachkriegsjuwel, dass sich in einem abschließbaren Schrank befand. Meine Mutter, die Oberbefehlshaberin des Familienclans, trug den Schlüssel stets bei sich und schloss die Büchse der Pandora erst mittags um 17h auf, denn dann begann das einstündige Kinderprogramm. Plumpaquatsch, Robi, Tobi und das Fliwatüt, Carlson auf dem Dach, Michel aus Lönneberga, Lolek und Bolek, Herr Rossi sucht das Glück, Immer wenn er Pillen nahm, oder eins der zahlreichen wunderschönen Märchen aus Prag. Ganz still hockten wir vor dem Gerät und sogen die Informationen in uns auf, bis das Abendessen zeitig auf dem Tisch stand. Alles hatte seine Ordnung und unterlag einem festen Plan.
Sonst spielten wir, schlugen uns die Köppe ein, klauten Süßigkeiten bei der alten Gemischtwarenhändlerin, die bei allen Kindern des Viertels überaus beliebt war. Sicher wusste die über 80-jährige Dame, dass wir sie alle gnadenlos beklauten und lies diesen Umstand in ihre grosszügige Kalkulation miteinfließen. Als Kind hat man kein überproportionales Unrechtempfinden und fühlt sich nicht schlecht bei der Ausführung krimineller Handlungen, solange man nicht erwischt wird!
Hausaufgaben hatten wir offiziell keine auf, denn jeder schrieb von jedem hinter dem Schulgebäude die Sachen ab, zu denen der eigene Verstand nicht ausreichte. Da jeder irgendwas wusste, wussten alle über alles Bescheid. So förderte man schon in jungen Jahren Teamgeist und Kollegialität, was sich bis heute auszahlt.
Auf meinem gelben Bonanzarad ging es mittags zu Freunden. Geld brauchten wir praktisch keines, denn für Kost und Logis waren unsere Eltern verantwortlich. Stand unplanmäßig eine Investition an, kramten wir Utensilien aus unseren Spielkisten hervor, denen wir überdrüssig geworden waren und veräußerten diese ohne Gewerbeschein, direkt vor dem einzigen Laden des Viertels. Es war der einzige Platz an dem jeder vorbeikommen musste und so standen wir da und lauerten auf Kundschaft, wie die Eidechse auf die Fliege. Alles für einen guten Zweck … nämlich unseren!
Manchmal erinnere ich mich an Volker, einen Spielkameraden und ein echtes Früchtchen. Volker liebte es Insekten in Gläsern einzufangen, ein wenig Grünzeugs beizufügen, den Deckel mit Löchern zu versehen und tagelang zu beobachten, wie allmählich das Leben aus den Tierchen wich. Dabei gab er ihnen immer die gleichen Namen dreier Sängerinnen, die er besonders schätzte. Silver Convention (Penny, Linda und Ramona), deren Hit sinnigerweise “Fly Robin fly” hieß. Mädchennamen vergab Volker auch dann, wenn es sich bei den Bienen und Käfern um die männliche Variante der Spezies handelte. Ihm war das egal … und so werden Serienmörder geprägt.
Wir waren immer draußen, bei jedem Wetter und wurden auf diese Art resistent wie die Kakerlaken. Actimel für die Abwehrkräfte brauchte kein Mensch, nur Fantasie und gute Freunde.
Geschichten wie diese gibt es Tausende. Sie spuken in den Köpfen all derer die einst Kind waren. Es wäre müßig, sie alle zu erzählen. Jetzt sind wir die von damals … erwachsen, mit der Erinnerung an schöne unbeschwerte Kindertage. Viele haben selbst Familie … und ertappen sich sich bei einem kritischen Blick auf die Jugend von heute, lakonisch feststellend: “Das hätte es zu unserer Zeit nicht gegeben …!”




