02.12.08
Das ominöse Poesiealbum
>Lebe glücklich, lebe froh, wie der Mops im Haferstroh. Der auf seinem Throne saß und gefüllte Klöße aß.<
Dieser und weitere pulizerpreisverdächtige Niederschriften befanden sich in meinem Poesiealbum, dass ich als Kind wie einen Schatz hütete. Ich liebte dieses Buch, hegte und pflegte es, befreite seine Seiten aufopferungsvoll von Eselsohren und schimpfte wie ein Rohrspatz, wenn ein Klassenkamerad einen hässlichen Tintenklecks hinein gemacht hatte.
Am liebsten hätte ich dieses Buch gar nicht aus der Hand gegeben, aber wie sonst hätten sich die Seiten mit dem Leben aus einem Rosamunde Pilcher Roman füllen können? Seite für Seite angereichert mit schwülstiger Romantik und dekoriert mit niedlichen Bildchen von Putten und Röschen. Jedes Mädchen hatte ein solches Album und hütete es wie seinen Augapfel … solange das literarische Kunstwerk nicht die Aufmerksamkeit eines Neiders erregte.
Und so geschah es, dass an einem unverdächtigen Montagmorgen, ein neuer Klassenkamerad den Schulsaal betrat. Er hatte einen unverständlichen Namen, für den sich nicht mal eine Abkürzung finden lies und schaute schon von der ersten Sekunde an provozierend zu mir herüber. Ich saß auf einem strategisch ungünstigen Posten - mutterseelenalleine! Mein übergrosser Mitteilungsdrang hatte mir zu dem separaten Platz, der auch „Katzenbänkchen“ genannt wurde, verholfen. Nun, da sich neben mir der einzig freie Platz befand, sollte Srdcan diese Lücke mit seiner Anwesenheit füllen. Wir sahen uns an und wussten beide zeitgleich was dies bedeutete: Krieg!
Schon kurz nachdem Srdcan seinen Platz eingenommen hatte, breitete er sich auch schon wie eine Seuche aus, was mir überhaupt nicht passte. Wir stießen uns an, keiften und traten uns derart heftig unter der Bank, dass es schwer fiel die Schmerzensschreie zu unterdrücken. Ausgerechnet in dem Moment, als ich ihn als „Riesenarsch“ nannte, kam die Lehrerin mit unheilverkündenden Schritten auf uns zu, packte mich an der Backe, quetschte diese mit ihren Fingern zusammen und schüttelte meinen Kopf in einem Anflug von gelebtem Sadismus hin und her. „Du alte Schwatzbase“ schimpfte sie mich wütend „du wirst jetzt zur Strafe 100 mal folgenden Satz niederschreiben: Ich darf während des Unterrichts nicht schwatzen!“
Ich schenkte Srdcan einen „dankbaren“ Blick und fing zwischendurch mit dem Schreiben meiner Strafarbeit an, so dass diese unsinnige Arbeit nicht allzu viel von meiner kostbaren Freizeit nahm.
Die Situation an der Katzenbankfront eskalierte, als Srdcan eines Tages in meinem Ranzen wühlte und ihm dabei mein kostbarstes Juwel in die Hände fiel: mein Poesiealbum! Heimlich nahm er es an sich und ließ es in einem unbeobachteten Augenblick in seine Tasche gleiten.
Tags darauf lag das Büchlein, nachdem ich einen ganzen Mittag verzweifelt und unter starkem Tränenfluss gesucht hatte, auf meinem Platz. Srdcan legte den Kopf schräg und lächelte mich boshaft an. Ganz langsam öffnete ich mein Poesiealbum und laß seine an mich gerichteten Zeilen:
>Schöne Beene hat die Kleene, aber Busen hat se keenen.
Dein Freund Srdcan<.
Auf die gegenüberliegende Seite hatte er liebevoll eine Prilblume, anstelle der sonst üblichen Kitschgrafiken geklebt. Frechheit!
Ich tat nun, was ein Mädchen tun musste. Mit einem schnellen Griff schnappte ich meinen Regenschirm und haute meinem Freund Srdcan das Teil auf die massive Schädeldecke! Kurz darauf saßen wir still nebeneinander und kritzelten, jeder für sich, weitere 100 Strafsätze in unsere Hefte.
Ich darf mich nicht mit anderen Schulkindern prügeln. (Ausnahmen bestätigen die Regel)
Schade, dass sich manche Spuren der KIndheit wohl für immer verloren glauben. Was mag aus Srdcan gworden sein, wie der Verlauf seines weiteren Lebens? Hat er Familie? Ist er gesund und glücklich … Fragen, auf die man keine Antwort weiß.




