02.12.08

Das Leben … wie es ist und wie es sein könnte

Veröffentlicht in Shortstories tagged um 7:04 von boesepueppi

Besuch droht! Kreidebleich halte ich einen Einschreibebrief meiner Tante Maria aus Wolfsburg in den Händen. Seit einigen Tagen befindet sie sich die auf 150 kg ausgebeintes Lebendgewicht geschätzte Verwandte, auf einer Entschlackungs-Wellness-Rundumsorglos-all-inclusive-Kur, keine 30 km von meinem Heimatort entfernt.

 

In meinem Kopf klingeln alle Strassenbahnglöckchen auf einmal und ich überlege fieberhaft, welche ansteckende Krankheit mich vor dem Einmarsch dieses gewichtigen Besuches bewahren könnte. Jedoch sitzt der Schock tiefer als erwartet und mir will einfach keine realistisch klingende Ausrede einfallen!

 

Noch einmal überfliege ich ihren Brief: „Meine liebe Nichte, lange haben wir uns nicht mehr gesehen. Ich möchte meinen Kuraufenthalt in Bad Münstereifel dazu nutzen, Dich in meine Arme zu schließen. Hoffe, Du bist nicht wieder auf Geschäftsreise, oder gar krank? Werde schon morgen in Deiner Stadt sein. In inniger Liebe Deine Tante Maria“ Alte Natter! Das hat sie geschickt eingefädelt! Sie kennt mich besser, als mir lieb ist.

 

MORGEN?!?! Ich beschließe, meine im Kühlschrank befindlichen Lebensmittel, auf die Dauer ihres Besuches, im Keller zu deponieren. Schließlich ist Tante Maria zum Entschlacken hergekommen und sicher nicht, um sich der Völlerei hinzugeben und mich um meinen Lebensmittelvorrat zu bringen. Nachdem ich meine Bude auf Hochglanz poliert habe, beschließe ich früh zu Bett zu gehen. Viel zu früh und völlig gegen meine sonstigen Gewohnheiten.

 

Ein Taxi fährt vor. Mit sicherem Abstand beobachte ich hinter meinem Fenster, wie Tante Maria mehrere Versuche unternimmt, ganz ohne Zuhilfenahme eines Lastenhebers, aus dem Vehikel zu gelangen. Letztendlich gelingt es, dem nun schweißüberströmten Taxifahrer, das Tantchen aus seinem Fahrzeug zu hieven. Mit einem Taschentuch wischt er sich den Schweiß von der Stirn, ehe er sein Tagwerk fortsetzt. Kurz darauf klingelt es an meiner Tür. Da ich im 3. Stock wohne, verbleiben mir nun geschätzte 20 Min. Zeit, den Kaffee aufzusetzen und die Fotoalben zu platzieren. Kerzchen an … fertig! Ich postiere mich an der Wohnungstür und lausche andächtig Tantchens mühevollem Aufstieg.

Endlich ist sie oben angelangt und einem Kreislaufkollaps nah. Ich bitte das hyperventilierende Tantchen in meinen Bau und navigiere sie zum Sofa hin. Minuten vergehen, ehe Tante Maria zu ihrer gewohnten Form zurückfindet und somit zum eigentlichen Grund ihres Hierseins kommt. Der Soll/Ist-Vergleichsstatistik meines Lebens.

 

Zwischen Kaffee und supertrockenen schwedischen Hafertalern, die ich extra für diesen familiären Anlass gekauft hatte, beginnt Tante Maria von ihren reizenden Enkeln zu berichten. „Weißt Du, unsere Rafaela hat ja so ein süßes Mädchen bekommen und unser Daniel ist vor einem Monat zum Filialleiter unserer Hausbank aufgestiegen. Der Junge ist ja erst 28, aber so ehrgeizig. Ich könnte platzen vor Stolz!“. “Oh nein, nur das nicht!” denke mit aufgerissenen Augen und überschlage die Summe der anfallenden Kosten für eine Komplettrenovierung.

Kaum sind die Tränen der Rührung aus den Augenwinkeln gewischt, schlägt Neugier, gepaart mit sarkastischer Schadenfreude, bei ihr durch: „Warum findest Du eigentlich keinen Mann? Du bist doch fast schon zu alt für Kinder. Tingelst Du eigentlich noch immer durch die Welt, anstatt Dich irgendwo niederzulassen … in einem hübschen Haus mit Garten … kannst Du eigentlich kochen … seit wann trägt man eigentlich das Kleid über der Jeans … warum trägst du Deine Haare nicht mal schön kurz … ist eine Katze im Haus nicht unhygienisch?”

 

Nach einem 2-stündigen Monolog schlägt Tante Maria mir die Endlösung für ein geordnetes sorgenfreies Leben vor. Stefan! Eben dieser Stefan sei ja wirklich ein Netter und noch dazu fleißig … wenngleich auch ein wenig schüchtern. Jede freie Minute verbringe Stefan bei seiner Frau Mama, für die es sicher eine Entlastung wäre, wenn sich eine ordentliche und saubere Frau Stefan’s Haushalt annehmen würde. Wie beiläufig steckt sie mir Mr. Big’s Visitenkärtchen zu. >Stefan Lahmasch-Pfeiffer, Filialleiter< Ich lese nur Lahm und Arsch und pfeif drauf!

 

Als der Mond sich vor die Sonne schiebt, schiebe auch ich Tante Maria durch die Tür hindurch. Sie verpasst mir einen feuchten Kuss auf die Stirn und schaut mich ein letztes Mal mit ehrlich gefühltem Mitleid an. Untermauert wird dieser Blick mit einem Griff dorthin, wo im allgemeinen das menschliche Herz vermutet wird. Ein letztes „Ach!“, ein letztes Tränchen und fort ist sie. Ich winke und verzeihe ihr, als sie im Taxi davonfährt. Erleichtert lasse ich mich langsam mit dem Rücken die Tür hinabgleiten.

 

Das Leben, wie es ist … und wie es sein könnte. Eine Dampferfahrt mit unbekanntem Anlegehafen … und Stefan’s Visitenkärtchen findet ein schönes Plätzchen im Altpapier.

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